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Drehbuch

HAPPILY MARRIED IN GOOD OLD GERMANY
Von Nicki Pawlow

In Zusammenarbeit mit
Alex Heneka & Dieter Stempnierwsky

Eine bildhübsche junge Latina aus Costa Rica, ein gutaussehender doch langweiliger deutscher Spießer, eine böse Schwiegermutter, ein sympathischer Autoverkäufer und ein knallrotes Käfer-Cabriolet, Baujahr 1960 – das sind die Zutaten aus denen die Kino-Komödie „Happily married in good old Germany“ gestrickt ist. Weitere Ingredienzien: Humor, Spannung, Liebe und zu guter letzt eine überraschende Wendung.

AUFBLENDE

1. STRASSE AUSSEN/MORGEN
TITEL beginnen

Heidelberg. TOTALE. Sonnenaufgang, zu sehen ist eine kleine Straße, links und rechts Reihenhäuserzeilen mit Vorgärtchen, wie mit dem Lineal gezogen. Es ist ein schöner Sommermorgen. Irgendwo kräht ein Hahn.
ÜBERBLENDUNG zum Kuckuck einer Kuckucksuhr, die 7.00 Uhr schlägt.

2. KÜCHE/MARCIA INNEN/MORGEN
MARCIA, (28), südländischer Typ; sie lehnt am Kühlschrank, die Arme verschränkt. Sie ist verschlafen und gähnt, wartet darauf, dass die Toastbrote aus dem Toaster „springen“. Sie trägt einen ollen Frottee-Bademantel, unter dem ein langes weißes Nachthemd hervorlugt. Um den Hals trägt sie ein silbernes Amulett. Sie ist hübsch, aber nachlässig mit ihrem Äußeren. Die Kaffeemaschine faucht, auf dem Herd kocht ein Ei in einem Topf, der Toaster glimmt, die Toastbrote „springen“ hoch, Marcia erschrickt, ein Toast fällt runter. Marcia bückt sich, hebt ihn auf und stößt dabei an den Tisch. Eine Packung Eier rutscht vom Tisch und ein geöffnetes Glas Kirschmarmelade. Eierpampe, Scherben, Marmelade verteilen sich über die Fußbodenkacheln.

MARCIA (mit typischer Handbewegung)
Caramba!

3. FLUR/MARCIA INNEN/MORGEN
TARZAN, der kleine, unförmige, stark übergewichtige Mops, liegt röchelnd in seinem Körbchen, öffnet kurz -von den Geräuschen aus der Küche aufgeschreckt – ein Auge, zittert mit den Stummelohren, um gleich darauf weiter zu dösen.

4. BAD/MANFRED INNEN/MORGEN
MANFRED Schultz (Manne), Mitte 40, ein zwei Meter großer gutaussehender Hüne, dunkles Haar, Mittelscheitel, steht vor dem Spiegel, trägt nichts, außer ein um die Lenden gewundenes Handtuch. Er hat gerade geduscht und kämmt sein noch feuchtes Haar akribisch genau in Position. Aus dem Radio erklingt deutsche Volksmusik. Er pfeift vor sich hin. Die Digital-Uhr im Regal zeigt 7.07 Uhr. Manne kürzt die Nasenhaare geräuschvoll mit einer kleinen elektrischen Maschine, anschließend auch noch die Haare in den Ohren. Dann schmiert er sich Rasierschaum auf Wangen und Kinn. Alle Aktionen sind sehr pedantisch und auf die Sekunde genau organisiert. Alle Dinge, die Manne benutzt, stehen, sehr ordentlich, an ganz bestimmten Plätzen. Wir sehen eine Reihe Kosmetikartikel „für den Mann“: Deospray, Gesichtscreme, Augencreme, Körperlotion, ein gutes Stück Seife. Daneben liegt eine 250-Gramm-Tube Anti-Herpes-Creme.

5. KÜCHE/MARCIA INNEN/MORGEN
Marcia klaubt die Scherben auf und schneidet sich dabei in den Finger.

MARCIA
Aua! (sie flucht auf Spanisch)

Sie holt aus einer Schublade Pflaster und Schere. In dem Moment läuft der Kaffee über, weil die Filtertüte umgeschlagen ist. Gleichzeitig klingelt die Eieruhr. Marcia schreit auf, lässt Schere und Pflaster fallen, der Kaffee läuft auf den Fußboden, vermengt sich mit Marmelade und Eierpampe.

6. BAD/MANFRED INNEN/MORGEN
Manne klopft sich Rasierwasser ins Gesicht. Dann sprüht er Deo unter seine Achseln, danach Parfüm auf Hals und Oberkörper. Jetzt putzt er sich penibel die Zähne, putzt auch seine Beißschiene mit der Zahnbürste. Er behandelt seine Zähne mit Zahnseide. Er bleckt seine Zähne, betrachtet sie im Spiegel. Dann greift er zu einer kleinen Spraydose, sprüht sich zweimal in den Mund.
Die Uhr zeigt 7.18 Uhr.
Er nimmt eine Cremetube in die Hand und cremt sich sorgfältig das Gesicht ein. Anschließend tupft er Augencreme unter die Augenlider.
Danach steigt er auf die Waage, legt seine Stirn etwas in Sorgenfalten.
Zu guter letzt macht er Posing vor einem Ganz-Körper-Spiegel, der an der Wand angebracht ist. Manne winkelt die Arme an, er spannt seinen Bizeps an, trommelt mit seinen Fäusten auf die Brust, gibt einen verunglückten Tarzan-Schrei von sich, dreht sich seitlich, versucht seinen Bauch einzuziehen. Manne grinst seinem Spiegelbild zu, ist recht zufrieden mit sich. Dann setzt er seine Brille auf und verlässt schnell das Bad.

7. KÜCHE/MARCIA INNEN/MORGEN
Marcia wischt den Fußboden auf, das Ei kocht noch immer auf dem Herd. Marcia ist gestresst, rot im Gesicht, ihr Bademantel ist voller Kaffeeflecken, ihr Haar hat sich gelöst. Sie setzt neuen Kaffee auf, nimmt das Ei vom Herd, verbrennt sich dabei die Hand.

MARCIA
Oh no, no, no… (eine Fluchkanonade auf spanisch!)

8. FLUR/MARCIA INNEN/MORGEN
Tarzan schläft noch immer und schnarcht hörbar.

9. KÜCHE/MARCIA INNEN/MORGEN
Marcia kühlt ihre Hand unter fließendem kalten Wasser an der Spüle. Sie blickt genervt auf den am Fußboden liegenden zusammengeschobenen Abfall. Kurzentschlossen packt sie alles in eine Plastiktüte, dann blickt sie sich in der Küche um – wohin damit? – und stopft die Tüte in den Herd. Tarzan kommt in die Küche, er hofft, dass etwas für ihn abfällt.

MARCIA (mit einem sympathischen, spanisch gefärbten Akzent) (spanisch mit Untertiteln)

Das ist nicht mein Tag!

Sie holt aus einem Versteck im Küchenschrank ein Päckchen spanische Zigaretten und ein kleines Feuerzeug. Sie steckt sich eine Zigarette an und öffnet das Fenster. Marcia pafft einmal, zweimal, dreimal. Dann löscht sie die Zigarette unter dem Wasserhahn, wedelt mit den Händen und sprüht mit einer Dose „Tannenduft“ in den Raum. Tarzan wuselt ihr zwischen den Beinen herum und bettelt.

MARCIA
Ksch, ksch, verschwinde.

Marcia sprüht in die Richtung von Tarzan. Der Mops verlässt jaulend die Küche.
Danach beginnt Marcia mit „fliegenden“ Fingern Graubrotscheiben mit Butter zu bestreichen. Sie belegt diese eilig mit Wurst, streicht Senf oben drauf, wickelt die Stullen in Butterbrotpapier und verstaut sie in einer Brotbüchse. Marcia stellt einen Teller, eine Tasse, ein Messer, einen Eierbecher, zwei kleine Löffel, Marmelade, Butter, Salz und den Korb mit den Toastbroten auf ein Tablett.

10. ESSZIMMER/MARCIA INNEN/MORGEN
Marcia deckt den Tisch für eine Person. Die Kuckucksuhr an der Wand zeigt 7.28 Uhr.

11. FLUR/MANFRED & MARCIA INNEN/MORGEN
Manne steigt die Treppe hinab, er trägt eine Anzughose mit Hosenträgern, Krawatte und Hausschuhe, die Hosenbeine hat er (zur Schonung) einmal nach oben umgeschlagen. Auf der Nase trägt er seine Brille. Marcia kommt von der Haustür, hält die Zeitung und einen Brief in der Hand. Sie versteckt den Brief hinter ihrem Rücken. Manne und Marcia begegnen sich im Flur. Manne steht auf der untersten Stufe und blickt auf Marcia runter.

MANNE
Na Marcia, was ist denn jetzt schon wieder passiert?

MARCIA
Oh, nur eine kleines Missgeschick. Gar nicht schlimm.

Manne schüttelt den Kopf, als wäre Marcia ein Dummchen. Dann schnuppert er und schaut sie streng an.

MANNE
Hast du etwa geraucht? Du wolltest doch aufhören.

MARCIA
Frühstück ist fertig.

Manne steigt die letzte Stufe runter. Er bewegt sich in Richtung Esszimmer. Als Marcia stehen bleibt, stutzt er und bemerkt, dass Sie etwas hinter dem Rücken verbirgt.

MANNE
Was hast du da?

MARCIA
Ach, nichts.

Marcia gibt ihm die Zeitung.

MANNE
Und was noch?

Marcia gibt ihm den Brief.

12. HAUS MANFRED/ESSZIMMER INNEN/MORGEN
Manne legt Brief (jetzt ist zu erkennen, dass es sich um die Telefonrechnung handelt!) und Zeitung auf den Tisch. Er blickt zu Boden, nimmt aus der Kommoden-Schublade einen Fransenkamm, bückt sich und kämmt ein paar Teppichfransen gerade. Dann legt er den Fransenkamm zurück und nimmt aus einer anderen Schublade einen Souvenir-Brieföffner aus Palmenholz, auf dem in weißer Schrift „Costa Rica“ steht. Er setzt sich an den Tisch, rückt die Sachen zurecht, die Marcia gedeckt hat. Dann ritzt er den Brief sorgfältig mit dem Brieföffner auf. Die Kuckucksuhr schlägt einmal, es ist 7.30 Uhr. Marcia bringt den Kaffee und das Ei und geht zurück in die Küche. Manne entnimmt die Rechnung, legt sie neben seinen Teller und greift sich einen Toast, den er mit Butter bestreicht. Er rührt Milch und Zucker in die Kaffeetasse und nimmt zwei Schlucke. Er beißt vom Toast ab.

MANNE
Hat meine Marcia den Toast wieder kalt werden lassen?

Jetzt studiert Manne die Telefonrechnung. Das macht ihm schlechte Laune. Manne nimmt das Ei und köpft es (zack) mit dem Messer.

MANNE
… und das Ei war zu lange im kochenden Wasser.

MARCIA (aus der Küche kommend, die Kaffeekanne in der Hand)
Möchtest du noch mehr Kaffee?

MANNE
Weißt du, was das kostet, wenn du täglich in Costa Rica anrufst?

MARCIA (blickt aus dem Fenster)
Die Hortensien blühen. Hast du schon gesehen?

MANNE
Wir sind jetzt deine Familie, Mutti und ich. Und Deutschland ist doch auch schön!

MARCIA
Bitte, bitte, sei nicht böse, Frédi. Ich habe nicht aufgepasst. Es wird nicht wieder vorkommen.

MANNE
Ach, das sagst du jedes Mal.

MARCIA (legt ihm die Hand auf den Arm, sie schmeichelt)

Aber dieses Mal verspreche ich es dir, Frédi.

Manne lässt sich besänftigen, er kann schon wieder lächeln.

13. HAUS MANFRED/FLUR INNEN/MORGEN
Wir sehen eine kleine Schuhputzmaschine, wie sie gewöhnlich in Fluren von Hotels zu finden ist. Daneben stehen Mannes blankgeputzte schwarze Schuhe. Manne entfernt die Schuhspanner, zieht die Schuhe an, stellt seine Hausschuhe ordentlich nebeneinander ab. Er setzt einen Sommerhut auf den Kopf. Marcia hilft ihm in die Anzugjacke. Dann nimmt Manne ein Brillenetui zur Hand, setzt seine Brille ab, holt aus dem Etui umständlich eine schrecklich altmodische Sonnenbrille, die er sich auf die Nase setzt. Die normale Brille tut er in das Etui und dieses in die Brusttasche seiner Anzugsjacke. Marcia kommt und bringt Manne seinen Aktenkoffer.

MANNE
Ich werde den Wagen heute in die Werkstatt bringen.

MARCIA
Schon wieder? Warum denn dieses Mal?

MANNE
Irgendwie rasselt der Motor so komisch. Allmählich merkt man ihm seine fünfzehn Jährchen an.

MARCIA
Soll ich mir den Wagen mal angucken?

MANNE
Nein, nein, das ist eine Sache für den Fachmann. Und in Deutschland lassen wir die Autos in Werkstätten reparieren.

MARCIA
Vielleicht wäre es klug, einen kleinen Zweitwagen zu haben.

MANNE
Ach, was du immer redest. Was soll ich denn mit zwei Autos!

Marcia schweigt.

MANNE
Heute ist Freitag, da bin ich…

MARCIA
… wie immer beim Stammtisch im Schützenverein. Ich weiß.

MANNE
Richtig.

Manne gibt Marcia einen Kuss auf die Wange.

MANNE
Hab’ dich lieb, Schatz.

Marcia lässt es geschehen, lächelt Manne freundlich an.

MARCIA
Ich wünsche dir einen schönen Tag, Frédi.

Manne nimmt seinen Aktenkoffer, tätschelt Tarzan den Kopf und verlässt, nachdem er auf seine Armbanduhr geschaut hat, Punkt 7.45 Uhr, das Haus.

14. HAUS MANFRED/ESSZIMMER INNEN/MORGEN
Marcia hört die Tür ins Schloss fallen, sie atmet auf, geht ans Fenster, blickt hinaus, stopft sich den Rest des hartgekochten Eis in den Mund und kaut.

15. STRASSE AUSSEN/MORGEN
Wir sehen Manne durch den Vorgarten gehen, er schließt seinen Mercedes Benz 190 Diesel auf. Der Wagen sieht aus wie neu. Manne blickt noch einmal zum Haus…

16. HAUS MANFRED/ESSZIMMER INNEN/MORGEN
… Marcia hält mit dem Kauen inne und winkt Manne lächelnd zu, obwohl er sie von außen wegen der Gardinen gar nicht sehen kann.

17. STRASSE AUSSEN/MORGEN
Manne steigt ein, er behält den Hut auf dem Kopf und fährt los. In der Ablage der Heckscheibe befindet sich ein Wackeldackel und eine Klorolle unter einer gehäkelten Hut-Hülle, am Spiegel baumelt ein Duftbaum.

18. HAUS MANFRED/SCHLAFZIMMER INNEN/TAG
Marcia schüttelt – noch immer in Bademantel und Nachthemd – die Betten auf. Sie öffnet die Fenster. Auf ihrem Nachttisch hat sie einen kleinen Altar mit Kerzen errichtet. Darauf steht eine kleine schwarze Madonna: La Negrita, die Schutzheilige von Costa Rica. Außerdem sehen wir Plastikblümchen und Deckchen.
Auf dem Nachttisch stehen viele gerahmte Fotos:

-Marcia als kleines Mädchen mit ihrem VATER und ihren vier BRÜDERN in ihrem Gemischtwarenladen in Costa Rica
-Marcias füllige GROSSMUTTER (etwas finster dreinblickend)
-Marcia als kleines Mädchen am Lenkrad eines klapprigen VW-Käfer-Cabriolets, stolz und lachend, neben ihrem Lieblingsbruder PEDRO
-Marcia und Manne glücklich lachend am Pazifik-Strand in Costa Rica
-Marcia und Manne vor einer kleinen Kirche in Costa Rica, sie im weißen Brautkleid, er im dunklen Anzug.
Daneben liegt ein lateinamerikanischer Unterhaltungsroman in spanischer Sprache, mit buntem Einband, der ein ineinander verschlungenes Liebespaar zeigt.

Auf Mannes Nachttisch stehen nur drei Fotos:
-Ein Portrait von Marcia
-Manne und seine MUTTI (sie in einem Sessel sitzend, er neben
ihr stehend)
-Tarzan mit einem Spielzeugknochen im Maul.
Daneben liegt ein mächtiges, dickes Briefmarken-Album. Es ist in durchsichtige Folie eingeschlagen. Oben drauf liegen einige Ohropaxe.
Marcia öffnet den Kleiderschrank, holt Jeans und T-Shirt heraus. Dabei fällt eine kleine Schatulle heraus. Marcia hebt sie auf, setzt sich auf’s Bett und öffnet die Schatulle. Sie schaut hinein und lächelt zufrieden. Wir sehen, dass sich Geld darin befindet und ein aus einem Möbelkatalog herausgerissenes Bild von einer Couchgarnitur.

19. HAUS MANFRED/ESSZIMMER INNEN/TAG
Marcia saugt Staub, Musik dröhnt aus dem Discman (Musik: „Latin Girls“ von The Black Eyed Peas, Elephunk). Sie singt laut mit und tanzt mit dem Staubsaugerstab durch den Raum. Ihre Bewegungen werden immer erotischer und heißblütiger, sie vergisst sich, wir merken: Marcia hat eine gehörige Portion Temperament und Rhythmus im Blut. Sie gibt Tarzan, der gerade in Zeitlupe von links nach rechts läuft, einen kräftigen Stoß mit dem Fuß. Auf dem Tisch steht noch das Salzfässchen, Krümel und Eierschalen und ein Abdruck der Kaffeetasse sind zu sehen, Marcia ignoriert das.

20. HAUS MANFRED/KÜCHE INNEN/TAG
In der Küche stehen die Reste von Mannes Frühstück auf dem Tablett, auf dem Küchentisch. Am Kühlschrank kleben gelbe Klebezettel. Auf denen entziffert Marcia: Tarzan Gassi führen, Fenster im Wohnzimmer putzen, Flaschen in den Keller, Medikamente für Mutti abholen, einkaufen..

Marcia gießt sich eine Tasse Kaffee ein, dann holt sie die Plastiktüte mit dem Müll aus dem Herd und stellt sie neben den Abfalleimer.
[…]