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SÜ36 präsentiert den BÜBÜL VERLAG BERLIN

Der BÜBÜL VERLAG BERLIN war zu Gast im Künstlersalon SÜ36, vorgestellt von Tanja Langer, die ihn kürzlich gründete.

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Alle Veröffentlichungen des BÜBÜL VERLAGs BERLIN können hier betrachtet und bestellt werden: http://tanjalanger.de/buebuel/

 

 

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Flucht ist mein Thema – einfach, zweifach, dreifach!

1.
Am 18. August erschien im Berliner Tagesspiegel ein sehr schöner Artikel über mich und meinen Roman “Der bulgarische Arzt”. Dorothee Nolte hat den Text verfasst. So fängt er an:

“Flucht ist ihr Thema, einfach, zweifach, dreifach. Die erste Flucht erlebte Nicki Pawlow, als sie mit ihrer Familie aus der DDR nach Westdeutschland floh; da war sie 13. Danach, bis ins Erwachsenenalter, floh sie weiter: vor der Auseinandersetzung mit ihrem Vater, dem liebenswerten, manchmal hassenswerten Psychiater aus Bulgarien. Und auch jetzt, da die Schriftstellerin einen autobiografischen Roman veröffentlicht hat, in dem sie die Geschichte ihrer Familie verarbeitet, lässt sie das Thema Flucht nicht los: Nicki Pawlow engagiert sich in ihrem Heimatbezirk Zehlendorf für Flüchtlinge, gibt Frauen Deutsch- und Alphabetisierungskurse.”

Nachdem ich den Artikel gelesen hatte, machte es ‘klick’ in meinem Kopf. Mir wurde klar, dass FLUCHT wirklich mein Hauptthema war, ist und wohl immer bleiben wird. Als Flüchtlingsmädchen aus der DDR litt ich schrecklich unter der Entwurzelung und dem Heimatverlust. Es war nicht leicht, mich im freien Westen einzuleben. Meine Kindheit war mit dem Wechsel von Ost nach West schlagartig zu Ende. Das erlittene Trauma wurde fleißig verdrängt. Und so mussten weitere Fluchten folgen.
Ich floh tatsächlich (wie im obigen Artikel erwähnt) viele Jahre lang vor der schmerzlichen Auseinandersetzung mit meinem Vater. Ich flüchtete, ohne dies zunächst zu erkennen, in eine Sucht, genannt Bulimie, die mich 20 Jahre lang knechten sollte. Ich flüchtete mich in zerstörerische und unbefriedigende Männerbeziehungen, in denen ich oft die Opferrolle einnahm. Ich flüchtete mich in eine Firma, die ich mit einem dieser Männer gründete. Ich flüchtete mich rund um die Uhr in die Arbeit und hielt mich so davon ab, zu mir selbst zu kommen. Die Firma sammelte – trotz aller Anstrengungen – einen riesigen Schuldenberg  an. Schließlich trieb ich den Mann aus dem Haus und mich selbst in den Ruin. In meiner Geschichte “Später! wird das Leben schön” habe ich es aufgeschrieben, hier ein kurzer Auszug:

“Mit 31 Jahren lag mein Leben in Trümmern. Ich stand vor dem Nichts. Ich empfand meine Lage als ausweglos, ja lebensbedrohlich. Und je mehr ich mich dem großen Nichts, dem Super-GAU meines Lebens näherte, desto stärker wurde mir die große Leere in meinem Innern bewusst. Ich befand mich im Auge des Orkans und ich wurde ganz ruhig. Ich gelangte an einen Wendepunkt. Zwar saß ich tief in der Patsche, doch eine innere Stimme sagte mir, dass alles wieder gut werden konnte. Und obwohl ich durch die äußeren Verhältnisse total gefangen war, fühlte ich mich innerlich zum ersten Mal richtig frei.
Ich hörte auf, mich mit Essen voll zu stopfen und mich zu erbrechen.
Ich begann Schritt für Schritt mein Leben in Ordnung zu bringen.
Ich fing an als freie Journalistin zu arbeiten.
Ich lernte meinen heutigen Ehemann kennen und lieben.
Ich begann literarische Prosa zu schreiben.
Ich heiratete und bekam drei Kinder.”

Das Gute an diesem Scheitern war: Ich hörte auf zu flüchten und vor mir selber abzuhauen. Endlich stellte ich mich mir selbst, packte Stück für Stück den Rucksack aus, den das Leben mir aufgesetzt hatte. Ich sah mir alles ganz genau an: Meine Kindheit, meine Erinnerungen, meine Gefühle – all das Schmerzliche, all das Schlimme. Ich kam Gedankenmustern und Glaubenssätzen auf die Schliche, die mein Denken eingeengt hatten und verstand mehr und mehr, warum und wie ich so geworden war, wie ich nun einmal bin! Jede Niederlage und jeder Schmerz hatten ihren Sinn gehabt. Ich verstand, dass nur ich ganz allein die Verantwortung für mein Denken, Fühlen und Tun habe. Und lernte, dass – wie in meinem Fall – Bewusstmachung Heilung bewirken kann.

 

2.
Durch meine Fluchterfahrungen (die große von Ost nach West und all die anderen “kleineren”) werde ich niemals vergessen, wie es sich anfühlt, ein Flüchtling zu sein. Und ich werde nicht müde zu wiederholen, dass es die Menschlichkeit gebietet, den Kindern, Frauen und Männern, die vor Krieg, Terror und Tod fliehen, zu helfen. Und weil zur Zeit so viele auf dem Satz “Wir schaffen das” von Angela Merkel herumreiten, möchte ich hier den tunesisch-deutschen Blogger Karim Hamed zitieren, dessen wunderbares Facebook-Statement ich voll und ganz teile:

“Aus aktuellem Anlass wurde ich gefragt, ob wir es denn noch „schaffen können“. Ohne zu zögern lautete meine Antwort: „Wir haben es doch geschafft!“. Hinsichtlich der Massen an nicht bearbeiteten Asylanträgen, der stockenden Familiennachzugsanträge, der fehlenden Sprach- und Integrationskurse und so weiter, mag das vielleicht naiv klingen. Dennoch glaube ich wirklich, dass wir es geschafft haben. Wir haben es geschafft, dass ein großer Teil der Bevölkerung sich nach einem Jahr immer noch engagiert. Wir haben es geschafft, dass jeder bei uns ein Dach über den Kopf hat und genug zu essen bekommt. Auch wenn die Hetzer hetzen, die Nazis zündeln, einige Politiker poltern und manche Medien skandalisieren so machen wir weiter. Und auch wenn noch viel zu leisten ist, so haben wir doch geschafft, was im ersten Jahr zu schaffen war und wenn es nötig sein wird den gleichen Einsatz erneut zu bringen, dann würden wir auch noch viel mehr schaffen können.
Doch was ich am wichtigsten finde: Wir haben es geschafft uns unsere Menschlichkeit zu bewahren.
Darauf kommt es an.”

Ja, wir haben geschafft, was im ersten Jahr zu schaffen war! Unser Land ist entgegen aller negativen Prophezeiungen nicht im Chaos versunken. Und es gibt so viel Gutes zu berichten! Da die positive Berichterstattung in den Medien viel zu kurz kommt (bringt ja keine Quote!), habe ich mich all jenen angeschlossen, die sich gezielt für das Sammeln und  Verbreiten von guten Nachrichten einsetzen. Dies zu tun ist wichtig und hilfreich. Warum? Weil das, was die Medien uns präsentieren, nur ein sehr kleiner Ausschnitt einer ungeheuer komplexen Wirklichkeit ist. Einer Wirklichkeit, in der auch unfassbar viel Gutes passiert. Doch das Gute findet in den Medien kaum Beachtung. Daraus folgt, dass die Berichterstattung nicht ausgewogen und fair sein kann. Ich gucke schon lange keine Fernseh-Nachrichten mehr. Trotzdem bin ich informiert. Meine Informationen hole ich mir aus dem Netz und entscheide selbst, was ich ansehe, was ich anhöre, wann ich wegklicke. Ich übe mich darin, meinen Fokus auf die guten Ereignisse, schönen Begebenheiten und wunderbaren Wendungen zu richten, die es zuhauf gibt.
Das bedeutet nicht, dass ich mich Konflikten und Problemen verschließe. Ich weiß, dass es bis heute in der Flüchtlingsfrage noch keine “richtige” Lösung gibt. Wir haben die Antworten noch nicht gefunden. Und natürlich ist es katastrophal, dass die AfD in MeckPom 21% errungen hat. Umso wichtiger ist es, einen kühlen Kopf und einen hellen Geist zu bewahren, immer wieder und immer weiter nach Lösungen zu suchen. Das versuche ich, wie tausende andere auch, in meinen persönlichen Kreisen zu tun. Um die Dinge miteinander (nicht gegeneinander) voranzubringen und unsere Welt ein bisschen besser zu machen.

 

3.
Ich hoffe, dazu tragen auch meine Texte bei. Im Tagesspiegel erschien am 2.9. in der Printausgabe und am auch 4.9. online meine Reportage “Wir hören hauptsächlich erst mal zu”,  in der ich den Arbeitskreis “Potentiale” vorstelle. Einmal wöchentlich treffen sich bei uns im Kiez in Berlin-Zehlendorf deutsche mit geflüchteten Männern. Für die oftmals alleinreisenden Neuankömmlinge bedeuten diese Treffen die ersten engeren Kontakte in der neuen Heimat. Die deutschen Helfer hören ihnen zu und versuchen Arbeit und Wohnung zu vermitteln. Mittlerweile teilen die Männer viel mehr miteinander als “nur” diesen Gesprächskreis. Es sind Freundschaften entstanden. Einer der Helfer hat es auf den Punkt gebracht: “Das beste Mittel gegen die Angst ist, diese Menschen kennenzulernen, zu realisieren, dass sie nicht anders sind, als du und ich. Denn im Grunde wollen wir doch alle das Gleiche: Frieden und Freiheit, Arbeit und Brot.”

 

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Jetzt gibt’s was auf die Ohren: “Puccini”!

Heute war ich in der Lauscherlounge in Berlin-Kreuzberg, wo die wunderbare Tanja Fornaro und der famose Oliver Rohrbeck meine Erzählung “Puccini” eingesprochen haben. Darüber freue ich mich sehr. Es ist ein wirklich schönes Gefühl, wenn die eigene Geschichte zu einem Hörbuch gemacht wird. Und Tanja, Oli und ich – wir hatten jede Menge Spaß. 🙂

“Puccini” ist eine lustige rasante Geschichte: Caro, Mitte 30, ist auf der Suche nach dem Sinn IMG_7714und treibt ziellos durch ihr Leben. Um über die Runden zu kommen, jobbt sie im “Puccini” als Hilfskellnerin. Das italienische Lokal wird von Klaus (einem Schwaben) geführt, das vorzügliche Essen von Shankar, Sharma und Shiva (aus Sri Lanka) zubereitet und von den schwulen Kellnern Diego (einem Argentinier) und Adriano (dem Alibi-Italiener) serviert. Caro lernt richtig Bier zu zapfen, anständigen Service zu “machen” und fehlerlos abzukassieren. Eines Tages ist der berühmte Schriftsteller Ingo Schulze zu Gast im “Puccini”. Durch diese Begegnung erhält Caro einen besonderen Impuls und…

Doch ich will nicht zu viel verraten. In Kürze erscheint “Puccini” und wer will kann dann selber hören. Dank Tanja und Oli ist es ein wahrer Hörgenuss geworden, der die Lachmuskeln strapaziert. 🙂

Ein herzliches Dankeschön auch an Dirk Wilhelm in der Technik und an Lisa Laux, die über die Aufahmearbeiten einen Videoclip gedreht hat, den ich hier, sobald dieser fertig geschnitten ist, präsentieren werde.

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Mein Hörbuch “Später! wird das Leben schön”

Jetzt endlich ist meine Geschichte Später! wird das Leben schön als Hörbuch erschienen. Weil es eine sehr persönliche Geschichte ist, habe ich mich dazu entschieden, das Hörbuch selbst zu einzusprechen. Das Ergebnis ist hier zu finden.

Ich war 13 und fuhr mit meinen Eltern im Juli 1977 wie jedes Jahr in den Sommerurlaub in Richtung Bulgarien. Da mein Vater Bulgare war, erhielten wir die Sondergenehmigung, über das blockfreie Jugoslawien reisen und nicht wie sonst durch das damals sehr triste und trostlose Rumänien. Dieses Mal war es aber unser Ziel, von Jugoslawien nach Österreich zu flüchten. Wir fuhren zu einem Grenzübergang, der Ende der 70er Jahre als “locker” galt. Tatsächlich war der Beamte am Checkpoint so sehr mit einem österreichischem Kleinbus beschäftigt, dass er unseren Wartburg zunächst einfach durchwinkte. Mein Vater fuhr langsam durch die Grenzanlagen. Doch nach ein paar Metern schrie der Grenzer plötzlich: “Stopp!” Andere Grenzbeamte schrien ebenfalls und rannten mit Gewehren hinter unserem Auto her. Meine Mutter rief: “Gib Gas!” Ich duckte mich. Wir sausten durch die Grenzanlagen, hinein ins Niemandsland, rüber nach Österreich – in die Freiheit!

Und plötzlich war ich ein Flüchtling: entwurzelt, heimatlos, fremd, ohne jedes Hab und Gut. In Später! wird das Leben schön erzähle ich erstmals schonungslos offen die Geschichte meines Wechsels von Ost nach West. Wie fühlt es sich an, aus dem gewohnten Leben gerissen zu werden, plötzlich ein Flüchtling in der Fremde zu sein und alles verloren zu haben? Was macht es mit einer, wenn sie in dem neuen Leben im Westen nicht richtig ankommen kann, weil sie das alte im Osten nicht loslässt? In meinem Fall brach sich das verdrängte Trauma des Heimatverlustes und der Entwurzelung in einer langjährigen Suchterkrankung Bahn. Doch irgendwann gelang es mir, mich den schmerzlichen Erfahrungen zu stellen und mir der verschütteten Gefühle bewusst zu werden. Auf die äußere Freiheit folgte die innere: Der Ausbruch aus dem Teufelskreis von Sucht und Verzweiflung. So kam ich schließlich doch noch richtig an: bei mir selbst.

3fdae0bf16208195bd638099be6be35dUnsere Flucht habe ich ausführlich in meinem Familienroman Der bulgarische Arzt beschrieben. Sie zählt zu den wichtigsten Erfahrungen meines Lebens. Verglichen mit einer Flucht übers Mittelmeer erscheint sie mir heute allerdings als mühelos. Aufgrund dieser “Grenzerfahrung”, die ich als 13-Jährige gemacht habe, bin ich unbedingt der Ansicht, dass wir unsere Herzen und Häuser für die Flüchtlinge offen halten sollten. Wir haben in dieser globalen Notlage keine andere Wahl, als zu helfen. Weil es ein Gebot der Menschlichkeit ist. Weil alles mit allem zusammenhängt. Weil wir das Feld nicht den Lieblosen überlassen dürfen. Weil wir trotz allem die Möglichkeit haben, immer wieder neu nach Lösungen zu suchen.

 

Später! wird das Leben schön, ISBN-13: 9783945703519,  Verlag X-PUB audio, Leipzig 2016. Erstmals veröffentlicht wurde die Geschichte in: “Ein Spaziergang war es nicht. Kindheiten zwischen Ost und West”, hrsg. von Anna Schädlich und Susanne Schädlich, Heyne Verlag 2012.

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Hurra! Wir feiern 10 Jahre Künstlersalon SÜ36!

Im Mai 2006 hatte ich die Idee, für meine Freundin Tanja Langer, die gerade einen neuen Roman veröffentlichte, in meinem Wohnzimmer eine Lesung zu organisieren. Ich lud Nachbarn und Freunde ein. Es wurde ein großartiger Abend mit Lesung, Gespräch, Buffet.

Und nun, im Juni 2016, feiern wir das 10-jährige Bestehen des SÜ36!! Wieder mit einer Tanja. Am Freitag, den 24.6., wird meine liebe Kollegin Tanja Dückers bei uns neue Kurzgeschichten und Gedichte vorstellen. Darauf freue ich mich schon sehr!

Seit der erste SÜ36 vor zehn Jahren ein so schöner Auftakt gewesen ist, bitte ich gern befreundete Künstlerinnen und Künstler zu mir und biete Ihnen ein Forum, in dem sie sich präsentieren können. In unserem Wohnzimmersalon herrscht eine besonders innige und herzliche Atmosphäre, obwohl (oder gerade weil?) das Publikum den KünstlerInnen sozusagen „auf dem Schoß“ sitzt. Meist veranstalte ich literarische Lesungen. Zu den Gästen zählten z.B. schon AutorInnen wie Edgar Hilsenrath, Sarah Haffner, Ingo Schulze. Doch der SÜ36 ist offen für alle Kunstrichtungen. So gab Dietmar Wunder Einblick in seine Arbeit als Synchron- und Hörbuchsprecher, es gab Theater- und Musical-Abende (natürlich mit kleinen Ensembles), eine Professorin für Politikwissenschaft hielt einen Vortrag, eine Pop-Band spielte …

Der Charme des SÜ36 liegt wohl darin, dass er eine rein private Veranstaltung ohne Öffentlichkeit ist. Anstatt Eintritt zu zahlen, bringen die Gäste etwas Selbstgemachtes für’s Buffet mit. Und das Buffet ist inzwischen fast schon genauso legendär, wie der Salon selbst! Die Nachbarn sind glücklich, dass in unserer kleinen Straße hier in Berlin-Zehlendorf Kultur mit Niveau geboten wird. Wir wohnen ja hier am Rande der großen Stadt und die kulturellen Zentren Berlins liegen nicht eben vor der Tür.

Nun werden am kommenden Freitag erst einmal die Sektkorken knallen, wenn es heißt: 10 Jahre SÜ36! Ich freue mich auf den Abend mit Tanja Dückers! Und ich bin gespannt auf die nächsten zehn Jahre SÜ36!

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Hilfe, mein Kind bleibt sitzen!

Vor einem Jahr wiederholte meine Tochter die 2. Klasse. Für sie war das völlig okay, für mich keine leichte Entscheidung. Warum es oftmals klug und für den Familienfrieden hilfreich ist, wenn Eltern “Sitzenbleiben” zulassen und wie es mir gelang, mich meinen eigenen Ängsten zu stellen, lesen Sie hier.

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Ziemlich genau vor einem Jahr saß ich während des Elterngespräches im Klassenzimmer und heulte. Gerade hatten wir, mein Mann und ich, der Klassenlehrerin unserer Tochter mitgeteilt, dass wir einverstanden seien. Einverstanden damit, dass unser Kind noch ein Jahr in der Schulanfangsphase (SAPH), in der Erst- und Zweitklässler gemeinsam lernen, „verweilt“. Verweilen heißt es heutzutage weichspülerisch und nicht mehr sitzenbleiben. Meine Tochter tat mir ja so leid! Nicht in die 3. Klasse versetzt werden! Ihre Freundinnen verlieren! Als Looser gelten! Nochmal ahnungslosen Erstklässlern beim Buchstabieren helfen müssen! Ich hatte Angst vor ihrer Reaktion.

„Wir machen ihre Tochter richtig fit!“, so die Lehrerin. „Es wird ihr guttun!“

Und wir erfuhren, dass noch ein Mädchen in der SAPH verweilen würde. Eins, das unsere Tochter gerne mag. Und dass es durchaus noch mehr Kandidaten gäbe, denen es ebenfalls gut tun würde, dass aber die Eltern dies nicht wollten. Außerdem versuchte mich die Lehrerin zu trösten, indem sie erzählte, dass es ihr auch so ergangen sei. Mit Tränen und Zähneklappern habe sie sich vor Jahren dazu durchgerungen, ihre Tochter zurückstellen zu lassen. Nach der Entscheidung habe sie abends mit ihrem Mann eine Flasche Rotwein aufgemacht und sei am nächsten Morgen mit großer Erleichterung und der Gewissheit aufgewacht, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Schon während des ersten Schuljahres hatte die Lehrerin darauf aufmerksam gemacht, dass unser Kind im Unterricht zu wild, zu verspielt, zu unkonzentriert, zu desinteressiert und oft zu müde sei. Ich weiß noch, dass mich das kalt erwischte. Denn ich hatte damit gerechnet, dass Schule für unsere Drittgeborene, die von zwei älteren Brüdern ja eine Menge mitbekommt, easy sein würde. Schule ist aber nicht easy. Unsere Tochter ist easy! Sie sieht nämlich überhaupt nicht ein, dass es sinnvoll ist, zur Schule zu gehen. Warum denn? Es ist viel spannender auf Bäume zu klettern, im Wald zu spielen, schöne Steine zu sammeln, Käfer zu fangen, Vögel zu beobachten, Tunnel zu buddeln, Hütten zu bauen…

Dabei, erklärte die Lehrerin, sei die Kleine überaus liebenswert und fröhlich, also kein „nerviges Störerkind“. Sie riet mir, vermutlich weil sie ratlos war, die Tochter vorsichtshalber mal auf ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) testen zu lassen. Da klappte in meiner Hosentasche ein imaginäres Messer auf. „Mein Kind frisst kein Ritalin!“, entgegnete ich vehement. Allerdings erklärte ich mich bereit, es mit Ergotherapie zu versuchen.

„Muss das denn sein?“, fragte unser Kinderarzt stirnrunzelnd, als er den Schein dafür ausstellte. Er betreut unsere Kinder nun seit fast 15 Jahren. „Die Kleine ist doch völlig normal!“

„Klassischer Fall von zu früh eingeschult“, analysierte die Ergotherapeutin. Und in der Tat ist unsere Tochter mit die Jüngste in der Klasse. Mit fünf eingeschult, wurde sie erst Ende Oktober des 1. Schuljahres sechs. Vor der glorreichen Schulreform, die uns die SAPH und das vorgezogene Einschulungsalter bescherte, hätte sie gar nicht eingeschult werden dürfen. Die Ergotherapeutin arbeitete einige Monate allein mit unserem Kind, machte Konzentrations- und Feinmotorik-Übungen genauso wie Bewegungsspiele. Unsere Tochter ging gerne hin, am besten gefiel es ihr, die Kletterwand zu erklimmen, an Seilen zu schwingen, rittlings auf dem großen Ball zu hopsen. Danach folgte einige Monate lang ein „Attentioner-Training“, bei dem vier Kinder unter der Anleitung zweier Ergotherapeuten in Sachen Konzentration geschult werden. Immer wenn wir uns auf den Weg dorthin machten, maulte mein Kind. Es kam aber am Ende der Stunde gutgelaunt aus dem Übungsraum heraus. Hat es also was gebracht? Unsere Tochter, der Wildfang, ist ein wenig ruhiger geworden. Sagt auch die Lehrerin. Meine Mutter meint, ihre Enkelin sei einfach älter geworden und das Gehirn reifer. Und vermutlich liegt die Wahrheit, wie so oft, irgendwo dazwischen.

Allerdings ist nicht eingetreten, was ich erhofft hatte. Meiner Tochter fällt die Schule nicht merklich leichter, geschweige denn, dass sie freudig hingeht. Sie hat Lücken in Mathe wie in Deutsch. Dabei kann sie gut lesen. Sie mag die Fächer Sport und Sachkunde, denn sie bewegt sich gern und weiß eine Menge über Tiere und Pflanzen.

Was also war zu tun? Noch mehr Zeit in die Erledigung der Hausaufgaben und ins Üben investieren, wobei dies schon mal in „geistigen Nahkampf“ ausarten konnte? Wer kennt das nicht! Oder es – so wie andere Eltern, die ebensolche Probleme haben – mit Power-Lernen und Nachhilfe versuchen? Jetzt schon in der 2. Klasse? War es denn wirklich unsere Aufgabe, das zu leisten, was die Schule hier offensichtlich nicht zu leisten vermochte?

Ich sprach mit einer guten Freundin darüber. „Was wäre denn der kleinere Fehler?“, gab sie zu Bedenken. Das Kind ein weiteres Jahr in der SAPH verweilen zu lassen, damit es richtig schreiben und rechnen lernt? Wohltuend für die Tochter wie auch für den Familienfrieden? Oder sie in die 3. Klasse schieben, auf einen Entwicklungssprung in den Sommerferien hoffend und darauf, dass der Knoten platzt? Dabei das Risiko in Kauf nehmen, dass sich das Kind Jahr um Jahr in die nächste Klasse quält, weil es in der Entwicklung immer ein wenig hinten dran ist?

Plötzlich wurde mir klar, dass mein Bauch schon längst wusste, was richtig ist. Nur mein Kopf ließ nicht locker. Unaufhörlich ratterten die Gedanken durch mein Hirn. Ich sah meine Tochter weinen, leiden und abseits stehen. Und dann sah ich mich weinen, leiden und abseits stehen – damals als ich klein war, in meiner Schule. Und mit einem Mal musste ich mir eingestehen, dass es meine Ängste waren und nicht die meines Kindes, die mich quälten.

Ich wollte es der Tochter behutsam beibringen. Auf einem Spaziergang, bedächtig meine Worte abwägend, die Kinderhand in meiner Hand, sagte ich: „Schätzchen, Papa und ich sind der Ansicht, dass es besser für dich wäre, wenn du noch ein Jahr in der SAPH bleiben würdest.“
Bang wartete ich auf die Reaktion.
“Okay, Mama“, hörte ich das Kind sagen.
“Okay Mama? Das war alles? Keine Tränen, keine Wut, kein Geschrei?
“Weißt du“, fügte sie hinzu, „ich wollte dir das auch schon vorschlagen, weil es mit Rechnen und Schreiben ja nicht so gut klappt. Aber ich habe mich nicht getraut.“
“Ich war baff.
“Warum denn nicht?“, wollte ich wissen.
“Ich wollte nicht, dass du traurig bist.“
“Aber…“, fing ich an.
“Kann ich jetzt schaukeln gehen?“, fragte das Kind. „Da vorn ist der Spielplatz.“
“Moment mal“, bremste ich, „wollen wir nicht noch richtig darüber reden?“
“Nö!“, rief das Kind und rannte los.

Was haben Kinder doch für feine Antennen für die Ängste ihrer Eltern. Im besten Fall geht damit ein feines Gespür für das einher, was ihnen guttut. Dieses Gespür, auch Instinkt genannt, sollten wir ihnen nicht austreiben, nur weil wir selbst – vor lauter Kopf-Entscheidungen – verlernt haben, darauf zu hören.

Am Abend dieses denkwürdigen Tages öffneten mein Mann und ich eine Flasche Rotwein und beim Aufwachen am nächsten Morgen war sie tatsächlich zu spüren: die große Erleichterung mitsamt der freudigen Gewissheit, es richtig zu machen. Merke: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

(Dieser Text erschien am 22.06.2015 im Tagesspiegel)

Hinter uns liegt ein entspanntes Schuljahr. Unsere Tochter ist jetzt wirklich fit für die 3. Klasse. Und nun meine Frage an Sie: Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie haben Sie das Problem gelöst? Ich freue mich über Ihr Feedback. Nutzen Sie dafür gern die Kommentarleiste unter der Artikelüberschrift.

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