“rbb UM 4” sendet am 15.09.2016 live aus dem Alliiertenmuseum in Berlin-Zehlendorf

Hier der heutige “rbb UM 4”-Fernsehbeitrag in Gänze. Es kommen nicht nur der Leiter des Alliiertenmuseums, Bernd von Kostka, und der ehemalige Fotograf der Alliierten, Wolfgang Chodan, zu Wort. Nein, es ist auch sonst eine Menge über Berlin-Zehlendorf zu erfahren.

Der Beitrag über meinen Roman “Der bulgarische Arzt” samt Interview beginnt bei Minute 42’50”. Ein herzliches Dankeschön an das rbb-Team. Ihr wart mehr als toll! Und nun viel Freude beim Ansehen.

Hier klicken!

 

 

Flucht ist mein Thema – einfach, zweifach, dreifach!

1.
Am 18. August erschien im Berliner Tagesspiegel ein sehr schöner Artikel über mich und meinen Roman “Der bulgarische Arzt”. Dorothee Nolte hat den Text verfasst. So fängt er an:

“Flucht ist ihr Thema, einfach, zweifach, dreifach. Die erste Flucht erlebte Nicki Pawlow, als sie mit ihrer Familie aus der DDR nach Westdeutschland floh; da war sie 13. Danach, bis ins Erwachsenenalter, floh sie weiter: vor der Auseinandersetzung mit ihrem Vater, dem liebenswerten, manchmal hassenswerten Psychiater aus Bulgarien. Und auch jetzt, da die Schriftstellerin einen autobiografischen Roman veröffentlicht hat, in dem sie die Geschichte ihrer Familie verarbeitet, lässt sie das Thema Flucht nicht los: Nicki Pawlow engagiert sich in ihrem Heimatbezirk Zehlendorf für Flüchtlinge, gibt Frauen Deutsch- und Alphabetisierungskurse.”

Nachdem ich den Artikel gelesen hatte, machte es ‘klick’ in meinem Kopf. Mir wurde klar, dass FLUCHT wirklich mein Hauptthema war, ist und wohl immer bleiben wird. Als Flüchtlingsmädchen aus der DDR litt ich schrecklich unter der Entwurzelung und dem Heimatverlust. Es war nicht leicht, mich im freien Westen einzuleben. Meine Kindheit war mit dem Wechsel von Ost nach West schlagartig zu Ende. Das erlittene Trauma wurde fleißig verdrängt. Und so mussten weitere Fluchten folgen.
Ich floh tatsächlich (wie im obigen Artikel erwähnt) viele Jahre lang vor der schmerzlichen Auseinandersetzung mit meinem Vater. Ich flüchtete, ohne dies zunächst zu erkennen, in eine Sucht, genannt Bulimie, die mich 20 Jahre lang knechten sollte. Ich flüchtete mich in zerstörerische und unbefriedigende Männerbeziehungen, in denen ich oft die Opferrolle einnahm. Ich flüchtete mich in eine Firma, die ich mit einem dieser Männer gründete. Ich flüchtete mich rund um die Uhr in die Arbeit und hielt mich so davon ab, zu mir selbst zu kommen. Die Firma sammelte – trotz aller Anstrengungen – einen riesigen Schuldenberg  an. Schließlich trieb ich den Mann aus dem Haus und mich selbst in den Ruin. In meiner Geschichte “Später! wird das Leben schön” habe ich es aufgeschrieben, hier ein kurzer Auszug:

“Mit 31 Jahren lag mein Leben in Trümmern. Ich stand vor dem Nichts. Ich empfand meine Lage als ausweglos, ja lebensbedrohlich. Und je mehr ich mich dem großen Nichts, dem Super-GAU meines Lebens näherte, desto stärker wurde mir die große Leere in meinem Innern bewusst. Ich befand mich im Auge des Orkans und ich wurde ganz ruhig. Ich gelangte an einen Wendepunkt. Zwar saß ich tief in der Patsche, doch eine innere Stimme sagte mir, dass alles wieder gut werden konnte. Und obwohl ich durch die äußeren Verhältnisse total gefangen war, fühlte ich mich innerlich zum ersten Mal richtig frei.
Ich hörte auf, mich mit Essen voll zu stopfen und mich zu erbrechen.
Ich begann Schritt für Schritt mein Leben in Ordnung zu bringen.
Ich fing an als freie Journalistin zu arbeiten.
Ich lernte meinen heutigen Ehemann kennen und lieben.
Ich begann literarische Prosa zu schreiben.
Ich heiratete und bekam drei Kinder.”

Das Gute an diesem Scheitern war: Ich hörte auf zu flüchten und vor mir selber abzuhauen. Endlich stellte ich mich mir selbst, packte Stück für Stück den Rucksack aus, den das Leben mir aufgesetzt hatte. Ich sah mir alles ganz genau an: Meine Kindheit, meine Erinnerungen, meine Gefühle – all das Schmerzliche, all das Schlimme. Ich kam Gedankenmustern und Glaubenssätzen auf die Schliche, die mein Denken eingeengt hatten und verstand mehr und mehr, warum und wie ich so geworden war, wie ich nun einmal bin! Jede Niederlage und jeder Schmerz hatten ihren Sinn gehabt. Ich verstand, dass nur ich ganz allein die Verantwortung für mein Denken, Fühlen und Tun habe. Und lernte, dass – wie in meinem Fall – Bewusstmachung Heilung bewirken kann.

 

2.
Durch meine Fluchterfahrungen (die große von Ost nach West und all die anderen “kleineren”) werde ich niemals vergessen, wie es sich anfühlt, ein Flüchtling zu sein. Und ich werde nicht müde zu wiederholen, dass es die Menschlichkeit gebietet, den Kindern, Frauen und Männern, die vor Krieg, Terror und Tod fliehen, zu helfen. Und weil zur Zeit so viele auf dem Satz “Wir schaffen das” von Angela Merkel herumreiten, möchte ich hier den tunesisch-deutschen Blogger Karim Hamed zitieren, dessen wunderbares Facebook-Statement ich voll und ganz teile:

“Aus aktuellem Anlass wurde ich gefragt, ob wir es denn noch „schaffen können“. Ohne zu zögern lautete meine Antwort: „Wir haben es doch geschafft!“. Hinsichtlich der Massen an nicht bearbeiteten Asylanträgen, der stockenden Familiennachzugsanträge, der fehlenden Sprach- und Integrationskurse und so weiter, mag das vielleicht naiv klingen. Dennoch glaube ich wirklich, dass wir es geschafft haben. Wir haben es geschafft, dass ein großer Teil der Bevölkerung sich nach einem Jahr immer noch engagiert. Wir haben es geschafft, dass jeder bei uns ein Dach über den Kopf hat und genug zu essen bekommt. Auch wenn die Hetzer hetzen, die Nazis zündeln, einige Politiker poltern und manche Medien skandalisieren so machen wir weiter. Und auch wenn noch viel zu leisten ist, so haben wir doch geschafft, was im ersten Jahr zu schaffen war und wenn es nötig sein wird den gleichen Einsatz erneut zu bringen, dann würden wir auch noch viel mehr schaffen können.
Doch was ich am wichtigsten finde: Wir haben es geschafft uns unsere Menschlichkeit zu bewahren.
Darauf kommt es an.”

Ja, wir haben geschafft, was im ersten Jahr zu schaffen war! Unser Land ist entgegen aller negativen Prophezeiungen nicht im Chaos versunken. Und es gibt so viel Gutes zu berichten! Da die positive Berichterstattung in den Medien viel zu kurz kommt (bringt ja keine Quote!), habe ich mich all jenen angeschlossen, die sich gezielt für das Sammeln und  Verbreiten von guten Nachrichten einsetzen. Dies zu tun ist wichtig und hilfreich. Warum? Weil das, was die Medien uns präsentieren, nur ein sehr kleiner Ausschnitt einer ungeheuer komplexen Wirklichkeit ist. Einer Wirklichkeit, in der auch unfassbar viel Gutes passiert. Doch das Gute findet in den Medien kaum Beachtung. Daraus folgt, dass die Berichterstattung nicht ausgewogen und fair sein kann. Ich gucke schon lange keine Fernseh-Nachrichten mehr. Trotzdem bin ich informiert. Meine Informationen hole ich mir aus dem Netz und entscheide selbst, was ich ansehe, was ich anhöre, wann ich wegklicke. Ich übe mich darin, meinen Fokus auf die guten Ereignisse, schönen Begebenheiten und wunderbaren Wendungen zu richten, die es zuhauf gibt.
Das bedeutet nicht, dass ich mich Konflikten und Problemen verschließe. Ich weiß, dass es bis heute in der Flüchtlingsfrage noch keine “richtige” Lösung gibt. Wir haben die Antworten noch nicht gefunden. Und natürlich ist es katastrophal, dass die AfD in MeckPom 21% errungen hat. Umso wichtiger ist es, einen kühlen Kopf und einen hellen Geist zu bewahren, immer wieder und immer weiter nach Lösungen zu suchen. Das versuche ich, wie tausende andere auch, in meinen persönlichen Kreisen zu tun. Um die Dinge miteinander (nicht gegeneinander) voranzubringen und unsere Welt ein bisschen besser zu machen.

 

3.
Ich hoffe, dazu tragen auch meine Texte bei. Im Tagesspiegel erschien am 2.9. in der Printausgabe und am auch 4.9. online meine Reportage “Wir hören hauptsächlich erst mal zu”,  in der ich den Arbeitskreis “Potentiale” vorstelle. Einmal wöchentlich treffen sich bei uns im Kiez in Berlin-Zehlendorf deutsche mit geflüchteten Männern. Für die oftmals alleinreisenden Neuankömmlinge bedeuten diese Treffen die ersten engeren Kontakte in der neuen Heimat. Die deutschen Helfer hören ihnen zu und versuchen Arbeit und Wohnung zu vermitteln. Mittlerweile teilen die Männer viel mehr miteinander als “nur” diesen Gesprächskreis. Es sind Freundschaften entstanden. Einer der Helfer hat es auf den Punkt gebracht: “Das beste Mittel gegen die Angst ist, diese Menschen kennenzulernen, zu realisieren, dass sie nicht anders sind, als du und ich. Denn im Grunde wollen wir doch alle das Gleiche: Frieden und Freiheit, Arbeit und Brot.”

 

Sie möchten gern öfter von mir lesen? Dann registrieren Sie sich hier für meinen Newsletter.

Wir hören hauptsächlich erst mal zu

Ein Hoch auf die guten Nachrichten! Hier ist wieder eine:
Sie brauchen Arbeit, eine Wohnung – oft aber einfach nur ein offenes Ohr: Alleinstehende geflüchtete Männer. Im Arbeitskreis Potentiale tauschen sie sich mit Deutschen aus.

Eine Reportage über die “echten Themen des Lebens”.

Von Nicki Pawlow

Tagesspiegel online vom 4. September 2016

 

 

Jetzt gibt’s was auf die Ohren: “Puccini”!

Heute war ich in der Lauscherlounge in Berlin-Kreuzberg, wo die wunderbare Tanja Fornaro und der famose Oliver Rohrbeck meine Erzählung “Puccini” eingesprochen haben. Darüber freue ich mich sehr. Es ist ein wirklich schönes Gefühl, wenn die eigene Geschichte zu einem Hörbuch gemacht wird. Und Tanja, Oli und ich – wir hatten jede Menge Spaß. 🙂

“Puccini” ist eine lustige rasante Geschichte: Caro, Mitte 30, ist auf der Suche nach dem Sinn IMG_7714und treibt ziellos durch ihr Leben. Um über die Runden zu kommen, jobbt sie im “Puccini” als Hilfskellnerin. Das italienische Lokal wird von Klaus (einem Schwaben) geführt, das vorzügliche Essen von Shankar, Sharma und Shiva (aus Sri Lanka) zubereitet und von den schwulen Kellnern Diego (einem Argentinier) und Adriano (dem Alibi-Italiener) serviert. Caro lernt richtig Bier zu zapfen, anständigen Service zu “machen” und fehlerlos abzukassieren. Eines Tages ist der berühmte Schriftsteller Ingo Schulze zu Gast im “Puccini”. Durch diese Begegnung erhält Caro einen besonderen Impuls und…

Doch ich will nicht zu viel verraten. In Kürze erscheint “Puccini” und wer will kann dann selber hören. Dank Tanja und Oli ist es ein wahrer Hörgenuss geworden, der die Lachmuskeln strapaziert. 🙂

Ein herzliches Dankeschön auch an Dirk Wilhelm in der Technik und an Lisa Laux, die über die Aufahmearbeiten einen Videoclip gedreht hat, den ich hier, sobald dieser fertig geschnitten ist, präsentieren werde.

FullSizeRenderIMG_7733

 

 

 

 

Sie möchten gern öfter von mir lesen? Dann registrieren Sie sich hier für meinen Newsletter.

 

Mein Hörbuch “Später! wird das Leben schön”

Jetzt endlich ist meine Geschichte Später! wird das Leben schön als Hörbuch erschienen. Weil es eine sehr persönliche Geschichte ist, habe ich mich dazu entschieden, das Hörbuch selbst zu einzusprechen. Das Ergebnis ist hier zu finden.

Ich war 13 und fuhr mit meinen Eltern im Juli 1977 wie jedes Jahr in den Sommerurlaub in Richtung Bulgarien. Da mein Vater Bulgare war, erhielten wir die Sondergenehmigung, über das blockfreie Jugoslawien reisen und nicht wie sonst durch das damals sehr triste und trostlose Rumänien. Dieses Mal war es aber unser Ziel, von Jugoslawien nach Österreich zu flüchten. Wir fuhren zu einem Grenzübergang, der Ende der 70er Jahre als “locker” galt. Tatsächlich war der Beamte am Checkpoint so sehr mit einem österreichischem Kleinbus beschäftigt, dass er unseren Wartburg zunächst einfach durchwinkte. Mein Vater fuhr langsam durch die Grenzanlagen. Doch nach ein paar Metern schrie der Grenzer plötzlich: “Stopp!” Andere Grenzbeamte schrien ebenfalls und rannten mit Gewehren hinter unserem Auto her. Meine Mutter rief: “Gib Gas!” Ich duckte mich. Wir sausten durch die Grenzanlagen, hinein ins Niemandsland, rüber nach Österreich – in die Freiheit!

Und plötzlich war ich ein Flüchtling: entwurzelt, heimatlos, fremd, ohne jedes Hab und Gut. In Später! wird das Leben schön erzähle ich erstmals schonungslos offen die Geschichte meines Wechsels von Ost nach West. Wie fühlt es sich an, aus dem gewohnten Leben gerissen zu werden, plötzlich ein Flüchtling in der Fremde zu sein und alles verloren zu haben? Was macht es mit einer, wenn sie in dem neuen Leben im Westen nicht richtig ankommen kann, weil sie das alte im Osten nicht loslässt? In meinem Fall brach sich das verdrängte Trauma des Heimatverlustes und der Entwurzelung in einer langjährigen Suchterkrankung Bahn. Doch irgendwann gelang es mir, mich den schmerzlichen Erfahrungen zu stellen und mir der verschütteten Gefühle bewusst zu werden. Auf die äußere Freiheit folgte die innere: Der Ausbruch aus dem Teufelskreis von Sucht und Verzweiflung. So kam ich schließlich doch noch richtig an: bei mir selbst.

3fdae0bf16208195bd638099be6be35dUnsere Flucht habe ich ausführlich in meinem Familienroman Der bulgarische Arzt beschrieben. Sie zählt zu den wichtigsten Erfahrungen meines Lebens. Verglichen mit einer Flucht übers Mittelmeer erscheint sie mir heute allerdings als mühelos. Aufgrund dieser “Grenzerfahrung”, die ich als 13-Jährige gemacht habe, bin ich unbedingt der Ansicht, dass wir unsere Herzen und Häuser für die Flüchtlinge offen halten sollten. Wir haben in dieser globalen Notlage keine andere Wahl, als zu helfen. Weil es ein Gebot der Menschlichkeit ist. Weil alles mit allem zusammenhängt. Weil wir das Feld nicht den Lieblosen überlassen dürfen. Weil wir trotz allem die Möglichkeit haben, immer wieder neu nach Lösungen zu suchen.

 

Später! wird das Leben schön, ISBN-13: 9783945703519,  Verlag X-PUB audio, Leipzig 2016. Erstmals veröffentlicht wurde die Geschichte in: “Ein Spaziergang war es nicht. Kindheiten zwischen Ost und West”, hrsg. von Anna Schädlich und Susanne Schädlich, Heyne Verlag 2012.

Sie möchten gern öfter von mir lesen? Dann registrieren Sie sich hier für meinen Newsletter.